Muschelzypresse

 
Die Gestaltung einer Muschel-Zypresse (Hinoki-Scheinzypresse Chamaecyparis obtusa)

 

das „Rohmaterial“:
Dieser Baum wuchs einst aus einer Felsspalte und bildete daher einen sehr dicken Stammansatz. An diesem Stammansatz entwickelte sich eine sehr schöne alte, dicke Borke, welche vorne, wie ein Auge, etwas Totholz zeigte. Beim genaueren Untersuchen und zufälligem Drücken mit dem Daumen stellte ich überrascht fest, dass es darunter weich und feucht war: die Stelle musste unbedingt saniert und vor weiterem Verfaulen bewahrt werden. Der Baum wurde wohl einige Jahre extrem mager und trocken gehalten, wodurch er nur noch ein Minimum an Laub behielt. Die Äste sind alle mager, winken wild durcheinander und das Grün liegt weit vom Stamm entfernt. Es drängt sich also auch eine neue Formgebung auf.
 
Die Studie:
Die Äste sind spröde und brechen (nach einem kleinen Test) auch sofort leicht an. Der restliche Stamm ist sehr schlank und hoch. Wollte man den Baum kompakter machen, müsste man ihn wohl stark kupieren und die Äste bandagieren, um diese optisch zu verkürzen.
 
Das Projekt:
Ich habe mich dazu entschlossen, nach der Sanierung des Stammansatzes, den Stamm nicht einzukürzen und die langen Äste nicht mit Spaghetti- oder anderen Techniken näher an den Stamm zu bringen, sondern wollte die hagere Erscheinung des Baumes im Original vorerst erhalten. Der Kronenbereich wird sich mit der Zeit wieder füllen…
 
Die Ausführung:
Ich entfernte über dem recht ausgedehnten weichen Bereich schweren Herzens die schöne alte Borke, nur um mit Schrecken festzustellen, dass darunter ein sehr viel grösserer Bereich bereits komplett morsch war. Dasselbe stellte ich dann zu meiner Überraschung auch auf der hinteren Seite fest. Alles morsche Holz konnte ich z.T. mit blossen Fingern herausnehmen und den Rest mit einer Pinzette einfach herauskratzen..! Dann trug ich mit dem Dremel und einem kleinen ovalen Fräskopf die restlichen halbweichen Schichten bis hin zum harten und gesunden Holz ab. Als Resultat ergab sich nun, da ich von beiden Seiten (vorne und hinten) her arbeiten musste, eine grosse durchgehende Aushöhlung, welche ich an der Sommersonne erst trocknen liess, dann mit dem Gasbrenner leicht ausbrannte und zum Schluss (nach allen anderen Arbeiten) vorsichtig mit Jinmittel konservierte.
 

Front

Wurzel

hinten links

hinten

 
Durch die massive Aushöhlung an der Stammbasis erhält der Baum eine ganz eigene, charakteristische Dramatik und sie dient nun als unübersehbarer Fokuspunkt. Da nun unten herum die schöne alte Borke weg war, habe ich mich entschieden, den Rest des Stammes, wie sonst üblich beim Wachholder, von alter, brauner Rinde zu schälen, um die rötliche jüngste Rinden-Schicht freizulegen. Dann mussten noch ein paar kleinere ältere Jin und Shari gereinigt, gebrannt und konserviert werden. Zum Schluss habe ich die rötlichen Saftbahnen noch etwas poliert und mit heller, organischer Schuhcreme „einmassiert“ – sie lässt die Farbe der Rinde leuchten und hat auch noch eine konservierende Wirkung, die verhindert, dass der Baum über die verbliebene dünne Rinde Feuchtigkeit verliert.
 
Front vorher links vorher hinten vorher rechts vorher
           

 

        

Front nachher

links nachher

hinten nachher

rechts nachher

 
Alle Haupt-Äste wurden mit Kupferdraht gedrahtet und optimal positioniert. Dann wurden alle Laub tragenden Nebenäste mit Aludraht feingedrahtet, pro Ast zu kompakten Laubbüscheln vereinigt und fächerförmig horizontal ausgerichtet.
 
 
die Zukunft:
Mit guter Pflege und reichlich Dünger sollte es in den kommenden Jahren möglich sein, mehr grün näher am Stamm zu erhalten und die Äste zusätzlich etwas voluminöser werden zu lassen, damit der „Hungerhaken“ im Kronenbereich ein wenig fülliger wird.
 
Dauer der Umwandlung inkl. vorgängiger Studie: ca. 2-3 Tage.
 
 
Bonsaifreunde Dreiländereck